Im Nachtasyl

Es ist eine der ersten kalten Nächte im Herbst, eine von den Nächten, in denen man sich ärgert, dass man den Mantel nicht mitgenommen hat. Gedankenlos spuckt uns die U-Bahn in die Stadt hinaus. In unseren Rücken spiegeln sich prunkvolle Fassaden in der Binnenalster, vor uns leuchten schwarz-weiß die Buchstaben des Thalia-Theaters in der Nacht.

Wir wollen ins Nachtasyl, dort, in der Bar über den heiligen Hallen des Theaters, findet heute eine Premierenparty statt. Wir nehmen schnaufend die vielen Stufen. Alle sind voller Vorfreude. Nun, zumindest alle Anderen. Ich weniger. Ich bin müde, ich bin nicht vom Theater, ich kenne die Leute aus meiner Gruppe kaum – wir kommen gerade gemeinsam von einer anderen Premiere in einem kleineren Theater – und trinken will ich eigentlich auch nicht. Jetzt schnaufe ich trotzdem die Stufen hinauf. Es sind hundert, sagt eine vor dem Eingang sitzende Zwergin.
Wir treten ein.

Der mittelgroße Raum ist schon voller Menschen. Voller schöner Menschen in schicker Abendgarderobe. Ich sehe graue Häupter mit Anzug, feiner Brille und Lächeln im Gesicht. Ich sehe Abendkleider in gedeckten Farben, knallroten Lippenstift und eindringende Blicke durch die modischen Brillen. Ich sehe aber auch viel junges Volk, sprich viele Sneaker, blanke Fußknöchel, sprießendes Barthaar und gediegene Duts. Alles in allem ist es ein Raum voller kreativer und gebildeter Menschen, Menschen die wissen, was man an Abenden wie diesen sagt und tut, an Abenden an denen Kunst gezeigt wurde, der Alkohol fließt, das Licht sich bewegt und der Bass klopft.

Die Tanzfläche ist noch recht leer. Meine Gruppe holt sich Drinks und platziert sich kreisförmig in der Mitte des Raumes. Ich stehe außerhalb des Kreises.

Rechts vom Eingang sitzen viele Menschen, teilweise auf einer Bank, etwas erhöht, weil es weiter oben an der Wand halt auch Sitzplätze gibt, innenarchitektonisch spannend gelöst. Ein guter Beobachtungsposten ist das. Wäre dort am Rand ein Plätzchen frei, könnte ich mich hinkauern und mit der Situation warm werden. Es ist aber kein Platz frei. Also kann ich nicht beobachten, stattdessen werde ich beobachtet. Was an mir von 100ten entlarvenden, ironischen Blicken beobachtet wird: Ich stehe alleine, ohne Drinks, in der zweiten Reihe eines Kreises aus Menschen. Diese Menschen, die ich flüchtig kenne, unterhalten sich angeregt. Bzw. sie brüllen sich rege an, denn die Musik ist schon sehr laut. Der DJ will, dass wir uns körperlich näher kommen. Nett von ihm. Da muss der Mann die körperliche Distanz nicht mühsam überwinden, er muss vielmehr schon aufgrund der äußeren Umstände mit dem Mund ganz nah an die Ohren der Mädchen heran. Mein Mund ist an keinem Ohr, das kann man von der Wand aus gut beobachten. Mein Blick geht unruhig durch den Raum, versucht Kontakt mit einem der Bekannten aufzunehmen, die da geschlossen im Kreis vor mir stehen. Würde einer von ihnen meinen Blick auffangen, er-sie würde bestimmt eine Lücke für mich öffnen, ich die ich dann geschwind hineinschlüpfen könnte. Dann wäre ich wieder dabei. Doch keiner bemerkt mich. Beobachten können die Wandsitzer auch, dass ich eine völlig unpassende knallgelbe Adidas-Trainingsjacke trage. Sie hat die mit Abstand auffallendste Farbe im Raum. Man kann beobachten, wie ich, schon seit einiger Zeit unsicher zum Beat hin und her wippend, an mir herunterblicke und dann hektisch die Jacke ausziehe. Zum Glück trage ich darunter ein einfaches schwarzes T-Shirt. Jetzt muss es doch klappen.

Doch statt es weiter zu versuchen, statt die Unsicherheit weiter auszuhalten, lasse ich mich von den hämischen Blicken der Wandsitzer vertreiben. Ich fliehe zur Toilette. Durchschnaufen. Pinkeln. In den Spiegel gucken. Den Rücken straffen. Das Kinn heben. Sich zunicken. Durchschnaufen. Das sind alles auch nur Menschen. Meine Mama würde jetzt sagen: „George Clooney muss sich auch selbst den Arsch abwischen.“ Vermutlich hat sie recht. Wobei ich mir manchmal nicht sicher bin, wie weit die Technik heute schon ist…

Aber gut, im Grunde hat sie Recht: Alles nur Menschen. Nunja, aber halt verdammt gut aussehende, weltgewandte, lange-in-die-Augen-Gucker und kluge-Sätze-sag-Menschen.

Durchschnaufen.

Menschen. Da draußen sind Menschen. Es läuft Musik. Es wird geredet, es wird gelacht, es wird sich bewegt und berührt. Alles ganz normale Menschen-Sachen. Mal kurz alleine stehen und niemanden zum Reden haben: ganz normal! Sich in einer neuen, ungewohnten Situation und Umgebung unsicher fühlen: selbstverständlich normal.
Du kannst das auch alles. Du bist wie die. Ungefähr zumindest.

Ich gehe entschlossen zurück, stelle mich aber zunächst direkt in der Nähe der Klotür an die Wand. Der Raum ist jetzt viel voller, meine Gruppe ist irgendwo verschwunden, wahrscheinlich draußen rauchen. Ich bin Nichtraucher. Ich blicke mich um. Die Wandsitzer auf der anderen Seite sitzen immer noch. Viele trinken und lachen, hübsche Menschen mit Freunden. Manche tanzen schon. In der Sitzgruppe zu  meiner rechten sitzt ein schönes junges Mädchen, das ich flüchtig kenne. Neben ihr sitzen ein Mann und eine Frau, sie sich, holla, schon sehr sehr intensiv unterhalten. Sie sitzt am Rand und hält sich einsam an ihrem Weinglas fest. Ich könnte sie ansprechen und uns beide erlösen.

Doch: Was reden und wo sitzen? Außerdem wird die Musik immer lauter und ich habe Durst.

Da beugt sich ein anderer Mann aus der Menge heraus zu dem Mädchen herunter und spricht sie an. Chance verpasst. Ich gehe zur Bar. Ich studiere die Preise und bin genervt. Thalia-Theater-Besucher-teuer-Preise. Aber welche Wahl habe ich? Zu Abenden und Lokalitäten wie diesen gehören Drinks in die Hand. Das ist Gesetz. Ich habe schon viel zu lange gewartet. Ohne Drink in der Hand ist man hier nur eine halbe Person.

Apropos halbe Person: Neben mir an der Bar sitzt die Zwergin. Sie hat eine große Tasche auf dem Schoß, ungeordnetes Haar, Jack Wolfskin-Jacke und niemandem zum Reden. Sie tut mir leid. Das erleichtert mich. Endlich jemand, der sogar unter mir steht.

Ich bekomme meinen teuren Drink und spreche sie an: „Hallo!“ – „Hallo“, sie guckt etwas überrascht.
„Sie haben mir vorhin das mit den hundert Stufen gesagt, erinnern Sie sich?“ – „Ah, jaa“. Sie hatte nicht damit gerechnet, angesprochen zu werden.
„Das ist aber nicht der Grund, warum ich Sie anspreche.“, sage ich. „Aha, warum denn?“, fragt sie.
„Weil Sie sehr klein und unpassend gekleidet sind. Und sie wirken einsam. Ich dachte Sie würden sich sicher freuen, wenn Sie jemand anspricht. Sie taten mir also leid.” Sie hebt eine Augenbraue, sagt sonst nichts. „Ich für meinen Teil fühle mich hier auch sehr verloren und einsam. Als ich mir dann vorstellte, wie es wäre, Sie anzusprechen, fühlte sich das sehr gut an.“

Sie schaut mich unverwandt an und schweigt. Um uns herum bewegen sich weiter Münder, Menschen und das Licht. Ich plappere einfach weiter:
„Außerdem glaube ich, dass Sie anzusprechen, Ihnen damit im besten Fall ein paar schöne Minuten zu schenken, an diesem trostlosen Abend in dieser Gesellschaft von Leuten, die so anders aussehen als Sie, dass also diese selbstlose, moralisch vorbildliche Tat von einigen Anwesenden wahrgenommen werden wird, und, da diese Beobachter meine Tat als nachahmenswert empfinden werden, werde ich in ihrer Achtung steigen.“

Wieder schweigt sie. Ich schweige nun auch.

Die Erklärung war mir etwas lang geraten.  Das Schweigen wird lang. Sie kann echt sehr intensiv gucken, fast starren. Langsam wird mir sehr warm.

„Darüber haben Sie aber lange nachgedacht. Ich heiße Frederike.“ Ich bin beeindruckt. Ihr fester Blick, die ruhige Art nach meiner verwirrenden Rede – ich beginne mich zu schämen.
„Hmm, jaa, es sind vor allem oberflächliche, egoistische Motive, die mich angetrieben haben. Ich heiße Daniel.“
Wir geben uns, wie wir so seitlich zueinander am Tresen sitzen, umständlich die Hand.

„Nun, du bist sehr ehrlich Daniel. Das gefällt mir. Mit manchem was du sagst, hast du darüber hinaus sogar Recht. Ich kenne hier zwar ein paar Leute mehr, als du glauben magst und unser Gespräch werden weniger Leute positiv wahrnehmen, als du hoffen magst. Aber sonst erfüllt deine Initiative ihren Zweck. Wir reden miteinander.“

Ich werde rot. Ich spüre, wie ich fast die letzte Chance, diesen Abend zu retten, zerstört hätte. Ich senke den Kopf und sage:
„Es tut mir trotzdem leid. Was habe ich nur dahergeredet? Du hast Recht.“, sage ich.

In dem Moment tippt ein breit lächelnder, wirklich vorzüglich gekleideter Herr mittleren Alters Frederike von hinten auf die Schulter und sagt: „Mensch Fredi, toll warst du heute! Und einen feschen jungen Mann hast du dir da geangelt!“, er zwinkert ihr, mir – uns – zu.
„Edgar! Danke! Wie schön, dass du da warst! Das ist Daniel. Er ist lustig.“, sagt Frederike. Ich schüttle ungläubig Edgars Hand, er lacht weiter froh, klopft uns beiden auf die Schultern und sagt:
„Gut so! Schön so! Weitermachen!“, und schon ist er wieder in der Menge verschwunden.

Ich gucke blöd. Frederike grinst.

„Du hast bei dem Stück mitgespielt!“, sage ich. Sie nickt. „Im Thalia Theater!“ Sie nickt. „Dem Thalia Theater. Und das war gerade Edgar Selge. Der Edgar Selge. Im Thalia. Obwohl er zur Zeit am Schauspielhaus spielt. Als bester Schauspieler Deutschlands. Und du kennst ihn. Du nennst ihn Edgar!
Frederike – wer bist du?“

Jetzt lacht sie laut, tätschelt mir freundlich den Arm und sagt:
„Ach, alles halb so wild. Ich habe Edgar mal spielen sehen und war verzaubert. Nach dem Stück habe ich ihn in ein Gespräch verwickelt. Ich sagte zu Edgar, dass ich von ihm lernen wollte. Ich bekam tatsächlich private Stunden bei ihm. Wir wurden Freunde. Und heute spiele ich unter anderem am Thalia.“

Ich gucke immer noch blöd. Sie grinst immer noch.
„Es ist mir eine Ehre. Ich wusste ja nicht…“
„Ach”, sie winkt ab. „Es ist doch schön, dass wir uns jetzt hier unterhalten. Du warst mutig!“
„Tss, mutig…“
„Doch, weil du so ehrlich warst. Etwas zu direkt, aber ehrlich.“
„Ach, ich bin ein Schisser, mehr nicht. Die Ehrlichkeit war nur ein Schutzschild, bloßer möchte-gern-Überlegenheitsscheiß. Ich bin bloß ein Häuflein Elend, bedaure mich selbst und bestaune wie ein Kleinkind all die schönen und kreativen Leute.“
„Hmm… glaub ich nicht. Siehst du die Sitzecke da links hinter uns? Die vier Leute da?“

Ich schaue zurück. Dort sitzen vier typische Vertreter der heutigen Abendgesellschaft. Zwei Frauen und zwei Männer. Alle einschüchternd elegant und gutaussehend.
„Ja, ich sehe sie.“
„Ok. Du gehst jetzt zu ihnen, setzt dich ungefragt dazu und trinkst unaufgefordert aus ihren Drinks!“

Ich gucke blöd. Sie grinst.

„Du hast nen Knall!“
„Aus allen Drinks!“
„Never, der Typ da, der wird mir…“
„Jetzt geh!“

Und da stehe ich tatsächlich auf und gehe zu ihnen. Ich kann es mir nicht erklären. Was tue ich hier? Natürlich rechne ich mit allem. Der Abend wird für mich gleich gelaufen sein. Und doch gehe ich hin. Schweißbäche brechen aus meinen Achselhöhlen hervor.

Ich blicke noch einmal zurück, doch Frederike ist nicht mehr da.

Seltsam das Ganze. Aber um lange nachzudenken ist keine Zeit, schon sitze ich mit vier wildfremden Leuten auf der Couch, lächle freundlich in die Runde und greife beherzt nach dem ersten Cocktail.

Es ist, als würde ich mich in dem Moment von außen sehen. Über mir die kreisende Diskokugel, weit in meinem Rücken die Wandsitzer, zwischen ihren Blicken und mir viele schöne, tanzende Menschen, neben mir ein Mann und eine Frau, mir gegenüber ebenso ein Mann und eine Frau, alle mit überschlagenen Beinen und guten Frisuren.

Als meine Hand sich um den Cocktail des Mannes neben mir schließt, als ich ihn zum Mund führe, ich genüsslich einen Schluck nehme und ich innerlich schon die hundert Treppenstufen nach unten fliehe, in diesem Moment geschieht –
nichts.

Rein gar nichts.

Ich setze das Glas ab, sage „Lecker“ und „Hallo“ und wir schauen uns alle fünf fröhlich an.  Ich schüttle allen die Hände, sage nochmal „Hallo“ und trinke ungefragt weiter aus allen Cocktails. Es macht mir viel Spaß und ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchströmt mich.

Immer den Cocktail, den ich gerade probiert habe (ich begleite übrigens jeden Schluck mit ausgiebigen „Ooohhs“ und „Ahhhs“ und „Köstlichs“), gebe ich nach rechts hinten in die unbekannte, tanzende Menge weiter und fordere zum Trinken, Genießen und Kommentieren auf.

Schon bald sind alle Cocktails vom Tisch verschwunden. Meine vier Mitsitzer haben leere Hände und sind gut gelaunt. Ich, jetzt ganz euphorisch, springe auf, umarme meine vier neuen Freunde (natürlich alle gleichzeitig) und hüpfe davon.
Frederike ist verschwunden. Aber das ist jetzt egal. Ich mache weiter.

Ich will meinen vier neuen Freunden eine Freude machen. Also gehe ich, in einer dieser ersten kalten Nächte im Herbst, einer dieser Nächte, in denen man froh ist, wenn einen der Alkohol und die Liebe von innen wärmt, nach dem man seinen Mantel dummerweise hat zuhause liegen lassen, hinter den Tresen des Nachtasyls vom Thalia Theater und lege los.

Ich nehme vier Gläser und fülle Eiswürfel hinein. Ich schnappe mir das Schneidebrett und ein Messer, hole die Gurke aus dem Kühlschrank und schneide sie in Scheibchen. Kurz halte ich inne und lasse den Blick schweifen. Schön, wie sich alle amüsieren. Auch meine vier neuen Freunde, rechts von mir, wirken ganz glücklich ohne ihre Drinks. Dann fülle ich Tonic-Water ein, jetzt fehlt nur noch der Alkohol. Bei Gin Tonic mit Gurke, welchen nimmt man da gleich nochmal?
Ich frage den Barkeeper.

Er zeigt grinsend auf mich, tippt sich dann ein paar Mal schnell gegen die Schläfe und lacht laut auf. Dann drückt er mir eine Flasche in die Hand. Ich bedanke mich, natürlich, mit einer stürmischen Umarmung. Dann mixe ich die Drinks fertig und bringe sie meinen vier Freunden. Zum Abschied klatsche ich mit ihnen ab, vier Mal high five, dann drehe ich mich wieder der wogenden Menge zu.

Die Tanzfläche ist jetzt voll. Die Wandsitzer sind nun entweder auch hier in der Mitte oder knutschen heftig auf ihrem Bänkchen herum. Ich strahle. So viel Leben, so viel Schönheit, so viel Liebe. Das muss gefeiert werden.

Ich gehe zur Mitte der Tanzfläche. Zuerst drehe ich mich einmal langsam um die eigene Achse, sauge alles auf, das ganze pulsierende Leben, dann lege ich mich flach auf den Boden.

Gesicht nach oben.

Arme hinter dem Kopf verschränkt. Ruhen.

Ich blicke zur Decke, über mir dreht sich die Diskokugel, glänzende Schuhe und feine Strumpfhosen huschen durch mein Blickfeld. Gemütlich wippe ich mit dem rechten Bein zum Takt, ansonsten liege ich ruhig, fühle mich eins, mit mir, den tanzenden Menschen um mich herum, der ganzen Welt.

Ab und zu schiebt sich kurz ein verschwitzter Kopf zwischen die Diskokugel und mich, grinst breit und verschwindet wieder. Ansonsten ist es ruhig und angenehm hier unten.

Nach ein paar Minuten spüre ich, wie sich eine Person rechts neben mich legt. Kurz drehe ich den Kopf, dann schaue ich lächelnd zurück zur Kugel. Ich bin nicht überrascht. Es ist Edgar Selge in seinem vorzüglich sitzenden Outfit. Um uns tanzen weiter hunderte Beine. Wir liegen nur so da.

Dann spüre ich eine Person links neben mir, kurz darauf an meinem Kopf, an meinen Beinen, überall scheinen sich Menschen zu uns zu legen. Der Platz zum Tanzen muss langsam knapp werden.

Ich hebe absichtlich nicht den Kopf, blicke weiter einfach hoch, wo die Kugel sich dreht und dreht und so unermüdlich ihr blinkendes Licht über uns ergießt. Doch ich spüre es: Kaum einer tanzt jetzt mehr, jeder sucht sich einen Platz um dazuzuliegen.

Kurz darauf legt sich ein wunderbar geformter Frauenkörper auf mich. Die Frau liegt mir ihrem Rücken auf meiner Brust, ihre Haare fallen in mein Gesicht.

Sie dreht den Kopf kurz zur Seite und sagt: „Es war sonst kein Platz mehr da.“
„Schön, dass du da bist!“, sage ich, lasse aber meine Hände auf dem Boden liegen, so wie sie ihre an ihre Hüften angelegt hat.
Dennoch: ihr fester, runder Po liegt direkt auf meinem Geschlecht. Es fühlt sich sehr gut an.

Eine Weile bleibe ich einfach so liegen und genieße. Ich atme langsam ein uns aus, ich spüre die Präsenz all der anderen Körper um mich herum, die Haare der Frau kitzeln sanft in meinem Gesicht. Selbst die Musik wirkt nun gedämpft, als wäre sie in Watte gepackt und in einen anderen  Raum gefahren worden.

Nach einer Weile habe ich genug, hebe die Frau sanft von mir herunter und stehe auf. Ich werfe einen letzten fröhlichen Blick auf den Raum in dem hunderte Menschen liegen, neben und aufeinander, den Blick entspannt zur Decke gerichtet.
Dann sage ich laut:

„Das war schön.“

Schon stehen alle auf, die Musik dreht hoch und es wird weitergetanzt.

Warum ich mich so über Trump freue

Mittwoch, 9.11.2016, 8:30 Uhr

Vor 90 Minuten bin ich aufgestanden. Seither lief ununterbrochen ZDF und CNN. Viele sehr kluge Menschen sind über den Bildschirm meines Smartphones gehuscht. Ich habe mir nebenher ein Pausenbrot geschmiert. Ich habe meinen Körper vom Schmutz der Nacht befreit. In diesen Aspekten war der Morgen also wie immer. Und das ist doch eine gute Nachricht. Darüber kann ich mich doch freuen. Mein Brot war noch da. Das Wasser ging noch an. Alles tolles Dinge.

Ich habe an dieser Stelle sehr qualifizierte Sätze zu sagen. Seit Wochen lese ich den Politikteil der Zeitungen nicht mehr. Seit Wochen sagte ich in den extrem wenigen Gesprächen zu unsrem Thema:
„Trump packt es eh nicht. Der hat die Welt schon in Angst und schrecken versetzt. Er wollte zeigen was geht. Er hat alles erreicht. Jetzt kann Hillary weitermachen wie immer.“
Mit diesen Aussagen zeige ich meine Qualifikation. Sie entspricht dem Durchschnitt der Quatsch-Analysten und Bullshit-Umfragen.
Jetzt zeige ich die Mainstream-Reaktion und darum können alle das hier lesen und genauso gut mir zuhören (genauso wie Gunter Gabriel, Norbert Bosbach oder Wolfgang Lammert).

Nach dem kleinen Schock (während ich genüsslich in mein Nutella-Brot beiße und meinen Kaffee schlürfe) und der spontanen Akzeptanz, dass die Welt nun eine andere ist, als davor, geht erstmal alles normal weiter (siehe Brexit). So weit die wichtigste Erkenntnis.
Es geht jetzt vor allem um Gefühlsarbeit:
Donald Trump lieben lernen (?) (!) (%)
Die ganze Zeit diese Hassgefühle mit sich tragen, mindestens (sehr voraussichtlich) die nächsten vier Jahre. Das zerfrisst uns innerlich. Nein, nein, liebe Hillary-Vermisser da draußen, macht euch nicht unglücklich. Lernt in dem blonden Womanizer dort drüben den Menschen zu sehen. Er will doch auch nur Macht haben und ein bisschen Spielen.
Also ich zumindest habe heute morgen schon damit begonnen.

Ich bin Meister darin, in den Interviews der klugen Menschen, die über den Bildschirm huschen, Strohhalme für meine Gefühle zu entdecken.
Ahh, Trump muss sich immer mit seiner Partei absprechen. Der kann gar nicht alleine alle Gesetze durchsetzen. Puhh, nochmal Glück gehabt (oder so).
Hmm, er will Israels Siedlungspolitik nicht mehr kritisieren. Joa, betrifft zumindest nicht mich.
Jaaaa, die Mauer nach Mexiko. Kommt eh nicht.
Der Deal mit dem Iran: Ja komm, was macht das für einen Unterschied. Ganz ehrlich, die machen doch in Syrien eh, was sie wollen.
Weniger Globalisierung und Freihandel: Chlorhühnchen sind eh scheiße.Jaaa, der Turbokapitalismus, so viele negative Folgen, dämme das ruhig ein wenig ein (oder so).
Amis dürfen weiter Waffen tragen: Na und, war doch schon immer so.
Der kleine Mann hat dem politischen Establishment mal die Meinung gegeigt (im Bezug auf die Wähler) – Bääm! Go go go, Milliardäre dieser Erde, kämpft für den kleinen Mann. Wie wäre es in Deutschland mit, hmm, den Aldi-Brüdern? Dietmar Hopp? Oder wie heißen die reichen Leute hier? Kenne keine..

Fazit dieses Zeugs, das sich aus meinem Inneren spontan ergossen hat: Irgendwie muss man ja überleben. Besser gleich mit der Gefühlsarbeit beginnen.
Oder, auch OK: Eine Revolution.
Muss ich bei Gelegenheit mal ein paar Artikel zu lesen, wie man das machen könnte.
Danach kann ich dann ja eine fundierte Entscheidung treffen:
Revolution oder Anpassung. Hauptsache nicht bei diesem nichts ändernden, aber alles beklagenden Gejammer stehen bleiben.

Und am Ende, weil so lustig, gerade von meinem Bruder geschickt bekommen:

Was grenzt an Dummheit?

Mexiko und Kanada.

Wie es sich anfühlt das neue Album von Bon Iver zu hören

Wie damals, als Steve Jobs noch in seinem schwarzen Rollkragen-Pullover die Bühne betrat und mal kurz die Welt veränderte. So fühlt sich die Luft in der Kneipe an. Die Welt hatte fünf Jahre gewartet. Jetzt ist der Abend da. Überall runde Tischchen, flackernde Kerzen und tropfendes Licht, dazu weiße Sneaker und fein gewählte Second-Hand Klamotten. Das größte literarische Ereignis der Erde liest heute, endlich, aus seinem noch unveröffentlichten Werk. In dieser Kneipe. Auf dieser Bühne, vor der weißen Wand, an diesem Tisch. Und du hast eine Karte. Deine Hände zittern leicht, als der Moderator die Bühne betritt und die magischen Worte spricht:
„Meine Damen und Herren, begrüßen Sie mit mir Johann Wolfgang von Goethe.“
Nicht enden wollender Applaus, Platz nehmen und Buch aufschlagen, Mikro zurechtrücken, das gelassene Nicken in die Runde, die blitzenden Augen hinter den runden Brillengläser. Du hast alles von ihm gelesen. Ach was, verschlungen hast du, wurdest du, die Macht, die Klarheit des Wortes, nie dagewesen, all das, dieser Mann, diese Sätze, nie dagewesen.

Und dann beginnt er. Die ersten Worte. Du blinzelst. Ist das Mikro kaputt? Es klingt anders, die Worte stimmen und sie stimmen nicht. Er, ungerührt. Dann die Stimme normal. Für ein paar Worte. Plötzlich geht ein Wind durch den Raum, Goethe pausiert, das Licht kleckert, wechselt zu rot, Goethe steht, liest, jetzt laut, donnernd, verzerrt. Aber die Worte, nie dagewesen, all das, dieser Mann, diese Sätze, nie dagewesen, wie immer. Was ist das? Schon ist das Licht wieder normal, er sitzt, als wäre nichts gewesen. Kurz darauf: Ein Bass, zum Takt der Worte, wummert leise durch den Raum, sphärische Musik setzt ein, und, ja, der ganze Raum, wackelt, schwankt. Weißes Strobolicht blitzt. Dazwischen, Goethe, seine Worte, all das, nie dagewesen, unverwechselbar. Sind wir noch im Raum? Bist du noch im Raum? Haben wir abgehoben, das Haus, schwebt über G0tHam c1ty, wie eine Wolke, über den Menschen und allem Leben? Goethe steuert die Enterprise mit seinen Sätzen, wir, sein Volk, folgen verzaubert.

Goethe liest und so hört es die Welt.
es ist etwas GUTE$ in der WELT, Herr Frodo,
und dafür ist man ja Teil der Kra{t,
die stets das BÖ§E will!

Nietzsche und Jesus am Nebentisch nicken.
Ihr Orks und auch Gandalf diskutiert noch mit Blicken.
Dein schwarz-weiß gestreiftes Tuffn-Tuffn-Hurtz-Hurtz
nickt nicht, diskutiert nicht, aber macht kurz Kurz.

Natürlich weht da der Atem lose durch die Nacht, weil die Liebe alles erträgt und alles hofft.
Huch, ja (!), hä (?) – solche Sätze schleichen sich also in die Gefühle dieses Abends.
Aber … es ist noch eine Lesung, ja, irgendwie ist sie das noch.

Vorne.
Da bröckelt es.
Buchsta
grcks, frrrg, frrg, xlib, xixil, rtzpfrriiii
nrcks, tllllg, tlllg, inyb, izil, trzfpiiikiii

Aber es ist Goethe, seine Worte, all das, nie dagewesen, immer noch. Verzaubert, alle im Raum, immer noch. Die Enterprise fliegt und alles ist neu. Links jetzt das Kreuz, rechts das Nirvana, in der Mitte der Mensch. Er umarmt die Verwirrung. Er feiert die Liebe und den Tod.

Goethe liest und so hört ihr es.
dass ich erkenne, was die Welt,
im innersten zusammenhält,
und warum,
zum gollum, gollum,
man
nicht einfach Voldemort sagen?

Als er später das Buch zuklappt, da zögert die Enterprise einen Moment. Dann landet sie und explodiert. Nie, nie, nie ist so was da gewesen. Der Raum tobt und Gläser zerspringen. Noch Stunden nachdem der Applaus verebbt ist, bist du dir nicht sicher, ob das dein Körper ist, der sich da vor Glück und Ungläubigkeit schüttelt. Und du bist dir nicht sicher, ob das deine Füße sind, die da schwebend über die Erde tänzeln.

 

Ach, wie soll man die Verwirrung der Schönheit beschreiben?
Wie sollen Worte Musik finden? 
Belassen wir es bei diesem Stümperhaften Versuch dem großen 
Bon Iver in einer kleinen Geschichte zu huldigen. 
 Für alles weitere: Man höre selbst.

 

P.S.: Die Aufgabe meiner Schreibgruppe, etwas über Musik zu schreiben, ist hiermit erfüllt.
Beste Grüße an der Stelle

Gespräch über Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“

 

Wer etwas treffliches leisten will,
hätt gern was Großes geboren,
der sammle, still und unerschlafft,
im kleinsten Punkte die größte Kraft.
Schiller

Zwei Kumpels sitzen in einer Kneipe bei gutem Bier und einem gutem Gespräch. Einige Liter und Sätze sind in den letzten Stunden schon geflossen. Dann sagt der Euphorische der Beiden:
– „Weißt du, ich geh mir selbst tierisch aufn Sack, wenn ich nichts gebacken bekomme. Wenn ich Zeit hätte, so richtig was zu schaffen, und die dann mit, ja, mit was eigentlich, irgendeinem Scheiß halt verplempere.“
– „Mhm, verstehe.“
– „Dabei, wenn ich mir das mal immer vor Augen halten könnte, dass es so ist, weißt du, das Leben ist doch sau kurz. Zack, morgen sind wir Tod. Und, was haben wir bis dahin hinbekommen?“
– „Hmm, so einiges, will ich meinen!“
– „Ts, was denn? Arbeiten, ficken, schlafen, Arbeiten, Kinder bekommen, Haus bauen, Rente beziehen, noch ein letztes Mal in Urlaub fliegen, dorthin wo’s warm ist – toooll!“
– „Ja und, was ist so schlimm daran? Ist halt nicht jeder ein Goethe oder ein Steve Jobs.“
– „Aber verdammt, ich will einer sein.“
– „Ok, was, was willst du? Mir erklären, wie Einstein die Relativitätstheorie herausgefunden hat? Wie du in den nächsten fünf Jahren erreichen willst, dass kein Mensch mehr hungern muss? Man, guck dich um, wir zwei hier, zwei Bier, eine Kneipe, friedliche Menschen um uns herum, unsre Lieben zuhause, ja, es gibt mal Stress, mal Probleme, ja, man ist mal unzufrieden, aber im Großen und Ganzen ist das doch gut, ist das das Leben. Mach dich mal locker. Du kannst zufrieden sein. Du bist schon so ein Guter.“
– „Jajaaa. Trotzdem, lass mich träumen. Guck, ich les gerade dieses Buch von Wolfgang Herrndorf. Es heißt ‚Arbeit und Struktur‘.“
– „Und, was ist damit?“
– „Also. Der Typ, der hat z.B. auch Tschick geschrieben. Der Film, der jetzt gerade im Kino läuft.“
– „Ja, hab ich von gehört.“
– „Und weißt du, wann er das geschrieben hat?“
– „Na vor seinem Tod, nehm ich an.“
– „Richtig! Er ist nämlich schon Tod! Hat sich mit 48 das Leben genommen.“
– „hmm“
– „Ja. Der Typ war Schriftsteller, hat aber lange Zeit gerade mal 2 oder drei Bücher rausgebracht. Der hat an allem ewig gearbeitet, hatte Ideen über Ideen in der Schublade, hat ewig gefeilt, gezweifelt, neu zusammengestellt und doch kaum was hinbekommen.“
– „Klingt normal.“
– „Ja, aber jetzt kommt’s. Der Arme ist dann krank geworden, Hirntumor, übelste Sorte. Er wusste: ‚Ich leb vielleicht noch zwei oder drei Monate, wenn ich viel Glück habe, noch ein oder zwei Jahre, dann war’s das.“
– „Und dann?“
– „Dann hat er Tschick geschrieben. In ein paar Monaten. Dann noch einen Roman, ‚Sand‘ heißt der. Dafür hat er den deutschen Buchpreis bekommen. Und nebenher hat er dieses Internettagebuch geführt, über sein Leben mit der Krankheit. Das ist das Buch, was ich jetzt lese, ‚Arbeit und Struktur‘.“
– „Und deine Botschaft ist jetzt: Der Typ wurde krank und dann erst richtig produktiv?“
– „Genau.“

Kurz verstummt das Gespräch. Beide starren einen Moment in die leeren Gläser, dann bestellt der Euphorische zwei Neue. Sie stoßen an, dann sagt der Skeptiker:
– „Und jetzt? Willst du dir jetzt auch nen Hirntumor besorgen oder was?“
– „Ach, du… du Depp du. Lass dich mal auf den Gedanken ein. Herrndorf hat in, was weiß ich, vielleicht 20 Jahren gerade mal drei Bücher rausgebracht. Dann in drei Lebensjahren nach der Diagnose drei neue Bücher! Der hat gearbeitet wie ein Tier. Dazwischen Chemo, Verzweiflung, ständig Todesgedanken, Selbstmord, alles, am Ende war der ein körperliches Frack. Aber, versteh doch, das geniale, das ist seine Reaktion auf die Todesnachricht.“
– „Nämlich? Arbeit, oder was? Das soll Glück sein?“
– „Ja.“
– „Man, hätte er besser mal noch ne Weltreise gemacht. Hätte er, was weiß ich, mit seinem Geld noch ein Waisenheim gebaut oder so. Warum Arbeit? Warum unbedingt noch Bücher raushauen? Was soll diese Geltungssucht?“
– „Ach was, du hast keine Ahnung. Alter, der hätte jeden Tag sterben könne. Hirntumor der aggressivsten Sorte. Der hatte einfach nur Schiss. Hat ununterbrochen an den Tod gedacht, hat es für einen Erfolg gehalten, wenn er den Gedanken ausnahmsweise mal eine halbe Stunde, ein halbe Stunde (!) verdrängen konnte. Sonst immer: Ich sterbe. Ich sterbe. Ich sterbe. Man, das macht dich wahnsinnig. Und deswegen, als Antwort, um sich ruhig zu bekommen: Arbeit. Arbeit und Struktur. Der hat das gebraucht, um wegzukommen von der Angst. Um sich nochmal sinnvoll zu erleben. Und weil er wusste, es kann jeden Tag aus sein, weil er sich gesagt hat: ‚Wenigstens das Buch, das schaffe ich noch.‘, nur deswegen ging er plötzlich so ab.“
– „Schön für ihn.“
– „Jetzt komm! Ich mein, könnten wir, du, ich, das nicht auch schaffen. Sterben werden wir auch. Nur weil das ein bisschen weiter weg ist, ist es doch nicht minder verrückt oder erschreckend oder dringend.“
– „Du willst also ständig denken: ‚Ich sterbe. Also lass ich es jetzt krachen. Ich sterbe. Auf. Auf, weiter machen!‘?“
– „Ja, genau so. Ich weiß, das ist viel schwieriger, wenn es nicht wirklich so ist. Wobei… es ist ja schon so… es fühlt sich nur nicht so an. Aber fühlt es sich nicht falsch an? Können wir nicht anders fühlen lernen, den Tod ganz nahe fühlen lernen? Auf jeden Fall: allein so zu denken, allein an Herrndorf zu denken, kein Plan, zum Beispiel: ‚In zwei Wochen hab ich den Text fertig, weil, ich muss, danach bin ich Tod.‘, das hilft schon, denk ich.“
– „Du willst dich selbst überlisten?“
– „Ja, schon. Bzw nein. Es ist ja wahr. Ich denke ja ständig, ich lebe noch ewig. Aber ich hab doch keine Ahnung. Klar, son Hirntumor, der wie das Ticken einer Zeitbombe ist, ist irgendwie lebendiger. Aber bei mir tickt es ja auch, nur anders, langsamer, oder schneller, vielleicht tickt es unregelmäßiger, unberechenbarer. Ich weiß es ja nicht!“
– „Na gut, klingt makaber, aber wenn’s klappt… schreib mich in die Danksagung deines Deutschen Buchpreisromans. Den wirst du mit der Technik bestimmt nächsten Monate fertigstellen!“
– „Haha…“
Und die beiden stoßen an, trinken aus und bestellen zwei Neue.
Eine Weile trinken sie stumm. Sie trinken schnell. Dann stellt der Euphorische das leere Glas schwungvoll auf den Tisch, blickt seinen Freund eindringlich an und spricht:

– „Hier noch was, hör her.“
– „Nana, was jetzt?“
– „Eine Rede, eine Rede.“
– „Na dann…“
– „Ich suche das Glück vollkommen fokussiert zu sein.
Die Gedanken springen nicht.
Sie gleiten über alle Reize hinweg, als wären sie Luft.
Denn die Gedanken kreisen nur um diese eine Sache.
Sie lassen sie nicht los, umwirbeln und zerpflücken sie, zerlegen sie in ihre Einzelteile, betrachten die herausgetrennten Stücke und setzen sie neu zusammen.
Bis das Puzzle ein perfektes Bild ergibt.“
– „Klingt schön! Prost!“
Sie stoßen mit zwei Neuen an.
– „Ja man!
Das ist das Glück,
weil das Hirn tätig ist,
weil die Gedanken sich nicht selbst wählen,
sondern gewählt sind,
gewollt sind.
Das Gefühl die Kontrolle über den eigenen Kopf zu haben,
das Gefühl der Herr im Haus zu sein.
Und mit diesem Gefühl,
da kann ich alles schaffen.
Alles…“
– „Amen dazu! Und jetzt schaffen wir noch dieses Bier, mein Freund!“
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann trinken sie noch heute.

Mit Frodo, Harry Potter und Jesus den Menschen in seiner erschreckenden Dunkelheit und seinem beglückenden Licht entdecken

Diese Rezension zu dem Buch „Sünde. Was Menschen heute von Gott trennt“ von Thorsten Dietz findet sich auch hier auf Amazon. Solltest du dieses Buch auch gelesen haben, so tue es mir doch nach und verewige deine Gedanken dazu ebenso auf Amazon.

Für wen ist dieses Buch nicht?

Sie sind Christ und mögen keine Zweifel, Sie mögen keine Selbsterforschung, keine Infragestellung ihres Lebensstils, ihrer Weltsicht, ihres Glaubenssystems? Dann ist dieses Buch nicht für Sie.
Sie sind Suchender, bezeichnen sich als religiös offen oder als Atheist – und gleichzeitig haben Sie keine Lust sich auf neue Wege, auf das Aufspüren der Geschichten der Christen in der Welt von Frodo, Harry Potter und Neo aus Matrix zu einzulassen? Sie bekommen schon Ausschlag, wenn Sie ein so peinlich verstaubtes Wort wie Sünde lesen und haben kein Interesse, was ein Professor mit Scharfsinn und bestaunenswerter Belesenheit zu den Verstrickungen, Wirrungen und Hoffnungen von uns Menschen im 21. Jahrhundert zu sagen hat? Sie wollen nicht von der Aktualität und der herausfordernder Radikalität der Bibel für Ihr Leben, egal wer Sie sind und was Sie glauben, überrascht werden? Dann kaufen Sie dieses Buch nicht!

Für wen ist dieses Buch?

Für Menschen die denken mögen. Für Menschen, die sich in die platten Schematisierungen aus obigem Abschnitt nicht einsortieren mögen. Für Menschen die große Geschichten lieben und nicht glauben, dass deren Ende wirklich schon gekommen ist. Für Menschen, die mit der letzten Seite des Buches und Samweis Gamdschie, dem Beherzten, nicht aufhören wollen, nicht aufhören können zu sagen: „Es gibt etwas Gutes in dieser Welt, Herr Frodo und dafür lohnt es sich zu kämpfen.“
Für Menschen, die sich nicht davor scheuen, in ihre eigenen Abgründe zu blicken, und ihre eigene Blindheit, ihre eigene Härte, ihre Gier, Unfreiheit und Trägheit zu entdecken und zu beweinen – und dennoch nicht aufhören können, Sätze wie diese zu hören und zu sagen: „Es gibt manchmal so viel Schönheit auf der Welt, dass ich sie fast nicht ertragen kann. Und mein Herz droht dann daran zu zerbrechen.“ (American Beauty, S. 65 in diesem Buch).
Und dieses Buch ist für Menschen, die den Weg der Liebe suchen. Für die Sünde kein Hammer ist, den sie schwingen, um darunter sich und andere zu zerquetschen, sondern für die Sünde eine Erinnerung an ihre Würde und ein Aufbruch auf wirklich Entfaltung ihrer geschenkten Freiheit ist.

Was gäbe es zu verbessern?

An der ein oder anderen Stelle mag das Buch etwas zu weitschweifig sein. Dann kommen Exkurse oder Einschübe an Stellen, die von dem gerade eigentlich verfolgten Gedanken ablenken. Das ist z.B. bei den etwas langen Filmzusammenfassungen der Fall.
Außerdem gibt es Stellen, mir persönlich ging es besonders bei dem Kapitel „Selbstlos“ so, die für den normalen Leser in Punkto Wortwahl und Gedankenführung etwas einfacher gehalten sein könnten.

Warum ist es so großartig?

Weil hier ein Vertreter seines Faches denkt, der seinesgleichen sucht. Er lebt und schreibt auf der Höhe der Zeit, versunken in die Gedankenwelt von Herr der Ringe, Breaking Bad und Tribute von Panem, mitten in den großen Erzählungen unserer Zeit und gleichzeitig mit allem Wissen über die Bibel und ihre Zeit ausgestattet. So bringt er Welten zusammen, so beschreibt er uns uns, im Wechselspiel zwischen säkularer Geschichten und religiöser Brille, zwischen damals und heute und all dem unveränderlich Menschlichen, dem sich jeder persönlich in seinem Leben, dem sich jede Generation neu stellen muss.
„Sünde. Was Menschen heute von Gott trennt“ ist scharfes, entlarvendes Denken auf Papier und ist ansteckender Glaube, der Liebe predigt und die Hoffnung nicht verliert. Wenn das nicht relevant ist, ist es nichts.

Spontanes Fazit zum Emergent Forum 2016

Ich liebe die Kirche. Ich sehne mich nach der Kirche. Ich brauche die Kirche.
Das habe ich lange nicht glauben wollen, denn ich will selber groß sein. Immerhin habe ich Theologie studiert. Ich kann denken, reflektieren, argumentieren, kenne die Bibel, den Jesus, die Liebe und das Ganze recht gut.
Die Kirche ist mir immer suspekt. Sie ist mal zu fromm, dann zu charismatisch, zu missionarisch, zu alt, oder es sind zu wenige. Sie ist zu jung, zu gleich, zu uncool, zu fordernd, zu locker, zu unsozial, die Predigten sind sowieso immer schlecht und die Toiletten zu dreckig.
Ich weiß es besser und ich kann es besser. Denke ich. Und tue alleine dann genau: nichts. Beten, Bibel, Schweigen und so, boah, alles schwierig.
So schleudert mich das wilde Großstadtleben umher, hektisch suche ich Halt, durch spüre nur wieder diese Rastlosigkeit, die Getriebenheit zwischen belegten U-Bahn-Sitzen und ich will ja noch mein Türkisch verbessern, zwischen 40h Stunden-Job, Freundin und ach, den Freund hab ich auch schon so lange nicht mehr gesehen, aber der Sport und… welcome, tot he working week…

Beim Emergent Forum 2016, emfo16, habe ich mich neu in Kirche verliebt. Weil mich all die wunderbaren Leute, die die Menschen, ihren Gott und die Kirche lieben, angesteckt haben. Weil ich dabei gemerkt habe, wie sehr sie mir fehlt.
Als Korrektur, als Zielgeber, Inspirator und Liebesspender.
Wenn Christina Brudereck und Nadia Bolz-Weber, die Rednerinnen dieser wunderbaren Tage, reden, muss man angesteckt werden. Von ihrer Leidenschaftlichkeit. Von ihrer Offenheit.
Das emfo16 war eine Wiederverzauberung meines Glaubens.
Die Auferstehung meiner Sehnsucht nach Kirche.
Einer Kirche in der gezweifelt, geholfen, herausgefordert und bekannt,
in den Arm genommen und viel gelacht werden kann.
Das emfo16 erinnert mich, dass Gott kein Christ ist. Und kein Mann.
Es erinnert mich, dass ich mit Menschen aller Religionen reden und diskutieren kann, dass wir gemeinsam Beten können und voneinander lernen können. Und ich gleichzeitig voll Liebe und Begeisterung von der verrückten Story des Gottes der Bibel und dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus schwärmen darf und muss
(Boah fällt mir das schwer das so hinzuschreiben. Glaub ich das überhaupt? Ist das wahr? Was weiß ich. Aber ich will, will vertrauen, oder wie auch immer man das nennt. Und ich will Jesus und Auferstehung sagen können, ohne gleich zusammenzuzucken, weil das ja jemand lächerlich finden könnte, wenn er oder sie das hier liest oder unglaubwürdig und ich selbst nicht weiß, wie ich das glaube oder mir vorstellen soll und so weiter blablabla Knoten im Kopf, ganz einfach weil es die wunderschönste Geschichte ist, die ich kenne)
Emfo16 hat mich daran erinnert, dass ich genau in den Menschen, die ich am wenigsten leiden kann, Gott suchen darf/soll/muss.
Dass diese Unheiligen mir am meisten über meine eigene Unheiligkeit verraten.
Dass genau diese Menschen meiner Liebe bedürfen.
Dass sie eine Herausforderung sind, eine die nervt, die weh tut, weil sie mich entlarvt, meine eigene Arroganz, meine Blindheit, mein Trägheit, meine Wut.
Und ich habe gelernt, dass die einzige, echte Währung in dieser Welt die Momente sind, in denen wir zu jemandem anderen vollkommen ehrlich sind, obwohl wir uns so schwach und uncool fühlen wie nie zuvor. Und wir dennoch geliebt werden. So wie wir sind, nicht wie wir sein wollen.
So wie in den letzten Tagen erlebt kann Kirche sein, so soll Kirche sein, so wünsche ich sie mir.
Ich will mehr davon. Denn ich brauche es.
Ich will alles daran setzen, diese Kirche nun im wilden Großstadtleben zu bauen, zu finden, zu leben.
Eine Kirche die UND größer schreibt als aber,
die die LIEBE ins Zentrum rückt, nicht die Wahrheit
und die nur gemeinsam funktioniert,
nie allein.

 

Kritik und Ernüchterung spare ich mir für die nächsten Tage auf.
Jetzt wird sich gefreut.
Danke emfo16

Luca

Luca steht ganz vorne am Rand. Er blickt in die Tiefe. Die Autos rasen vierspurig vorbei und verwischen zu bunten Blitzen. Ihm schwindelt. Er tritt zurück, blickt zu Holi auf seiner Schulter und sagt: ‚Wenn du mich hältst, dann tue ich es.‘
Holi reibt ihren kleinen Kopf an Lucas Hals und sagt: ‚Ich halte dich.‘

Luca liebt Madeleine. Er weiß: Sie und ich, wir sind füreinander bestimmt, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen! Das mit der Liebe, der Ewigkeit und Madeleine weiß Luca seit ein paar Wochen. Er hockte wie immer pünktlich vorne links. Kami und Meded besprachen Strategien, „wie man die Wichser am besten killen kann“, es ging um Computerspiele. Tiffy und Fahema machten ihre Nägel und es roch im ganzen Klassenzimmer nach diesem Zeug. Max und Quintin rannten umher, Stühle und Tische hinter sich umwerfend. Sie nannten es Training. Tascha und Yeliz glotzen ihnen wimpernklimpernd zu. An diesem normalen Tag also passierte das mit der Liebe: Madeleine kam zur Tür herein.
Es schien Luca, als hätte sich der Himmel mit einem Mal aufgetan, und die gesamte paradiesische Herrlichkeit legte sich ihm zu Füßen: Ihre Haare leuchteten wie die Schwingen der Engel! Und ihre Brüste! Gott hätte sie unter zig Quintilliarden auswählen müssen, um seinen Sohn daran saugen zu lassen. Madeleine! Sie kam einfach nur zur Tür herein. Das genügte. Ihr verfallen. Allein Madeleine! Schon seit der Fünften war sie in seiner Klasse. Warum sie ihn erst heute mit einem Blitz erschlug: geschenkt. Es war entschieden. Allein diese Haut, wie sie zwischen T-Shirt und Jeans beim Schwung ihrer Hüften immer wieder hervorblitzte, so rein und so hell. Wie weich die sich bei einer zarten Berührung anfühlen musste…Er drehte sich zu Holi auf seiner Schulter und sagte:
‚Das ist sie.‘ Und Holi ruckte begeistert mit dem Kopf vor und zurück und hauchte:
‚Für dich bestimmt, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen!‘

Nun mussten nur noch Madeleine die Augen geöffnet werden. Luca litt an Dingen, die ihn vorher nie interessiert hatten. Dass er so weit vorne saß zum Beispiel. So konnte er sie im Unterricht nicht mit seinen Blicken ausziehen, sich tagträumend mit ihr im goldenen Sand wälzen, nicht ihre unvergleichlichen Grübchen küssen. Außerdem war sie furchtbar beliebt. Stets umdrängten sie gackernde Mädchen oder eine Horde schmachtender Jungs. Madeleine! Oh, wie stark, selbstbewusst und schön sie war! Wie, ja wie nur sollte er an sie heran kommen?
Dann, eines Tages, saß sie plötzlich da, vor sich ihr Essen, allein, völlig unerwartet, kein Gackern, kein Schmachten, nur Madeleine. Und Luca stand da, mit dem Tablett in der Hand, sah sie und tat nichts. Also drängte Holi:
‚Jetzt mach schon!‘ – ‚Sie kennt nicht mal meinen Namen!‘ – ‚Dann stell dich ihr vor!‘ – ‚Obwohl wir seit vier Jahren in der gleichen Klasse sind!‘ – ‚Der Schleier vor ihren Augen wird sich lüften. Setz dich zu ihr!‘
Und Luca setzte sich zu ihr. Stumm. Begann zu essen. Zitternd. Wagte kurze Blicke von schräg unten zu ihr hinauf. Würgte an seinen Happen, hustete, klapperte, als würde er das erste Mal mit Messer und Gabel essen. Holi: ‚Jetzt sag endlich was!‘ Luca räusperte sich. Madeleine aß weiter langsam ihr Mittagessen, guckte suchend durch den Raum, beachtete ihn nicht. Immerhin hatte sie sich noch nicht weggesetzt. Dann nahm Luca all seinen Mut zusammen und sprach sie an. Das erste Mal. Und zwar so: „Schme…chmchm…schme…ckts?“ Und klar, auf den Auftritt kam kein Augenaufschlag, kein tiefer, vielsagender Blick, kein „Ja! Wie schön, dass du fragst! Und, ach Luca, dass du mich endlich ansprichst. Ich warte ja schon seit Jaaahren!“ Nein. Ihre Antwort war: ein genervter Blick. Ein verächtliches Grinsen, mehr nicht. Luca drehte sich niedergeschlagen zu und sagte: ‚Siehst du!‘. Holi wollte gerade ansetzen und ‚Nochmal, nochmal!‘ rufen, doch da lärmten schon die anderen aus der Klasse herein. Madeleines Gesicht hellte sich auf. Ohne einen weiteren Blick auf Luca zu werfen, rutschte sie schnell den Tisch hinunter zu den anderen und alle begannen schnell und laut durcheinander zu reden. Luca hörte Madeleines Lachen und Prusten klar aus der Traube heraus:
„Der Gnom…pff…hihi… der hat gerade…pff…hihi…versucht zu reden!“ Lautes Lachen. „Und wie er aus dem Mund stinkt, iihh!“ Noch lauteres Gelächter. „Hey, Gnom“, rief sie dann zu Luca herüber. „Echt süß, dass du dich zu mir gesetzt hast. Danke! Wirklich! Schade, dass du nur gestammelt hast. Wie war das noch? ‚Gollum, Gollum!‘“
Die Gruppe überschlug sich. Schenkelklopfen, ausgestreckte Finger, die auf ihn zeigten, nackt, ihn auszogen und in die Hölle hinabschubsten.

‚Sie ist noch nicht erleuchtet. Gräme dich nicht. Ihr hartes Herz wird bald von deinem reinen Wesen erlöst werden.‘, so sprach Holi den Rest des Tages von der Schulter in Lucas Ohr. Und auch wenn dieser erst nicht hören wollte, nicht konnte, so erkannte er doch nach und nach, dass sie Recht hatte, dass Madeleine nichts dafür konnte, dass sie nun mal zu den Verlorenen gehörte und dass er sie würde retten müssen. So erhob sich Luca von der Kirchenbank, auf der er kniete, von der aus er mit immer weicher werdendem Herzen zum Gekreuzigten selbst nach vorne geblickt hatte. Er ging nach hinten, in die Sakristei, wo seine Mutter täglich mehrmals betete. Dort konnte sie vor dem hellen, gelben Fenster knien, in dessen Zentrum eine wunderschöne Taube mit weit geöffneten Flügeln abgebildet war, bereit mit ihren Schwingen den Beter schützend zu umschließen.
Sie sagte: „Die Taube, sie ist friedfertig, unschuldig und rein. Kein Tier kommt dem Herrgott näher, kleiner Luca.“
Sie sagte auch: „Wenn ich hier bete, bekomme ich wieder die Kraft, so zu leben, wie der liebe Gott es befiehlt. Und du weißt doch, wie das geht Luca, oder?“
Immer wenn sie so redete, und sie redete oft so, strich sie Luca dabei über die Wange und lächelte selig an ihm vorbei, auf seine Schulter hin, dort wo Holi saß und sie erwartete keine Antwort, sondern gab sie selbst und sprach:
„Liebe üben, Luca. Demütig sein. Die andere Wange hinhalten. Die Feinde lieben. Nie ein böses Wort. Aller anderer Diener sein – so sollen wir leben!“ Und dann sah sie ihn doch an, die Mutter, die er so liebte, die nichts mehr hatte im Leben außer ihm, der Kirche und dem lieben Herrgott. Die Mutter, die für ihn, wenn sie nicht gerade vor der Taube kniete, in der Kirche den ganzen Tag putzte, wusch und kochte, damit sie mit den paar Groschen die Heizung für das kleine Zimmer bezahlen konnten.
So sah sie ihn jetzt also an und sagte: „Immer Friede halten, Luca! So werden unsre armen Sünderseelen gerettet! Verstehst du das? Versprichst du mir das?“
Und Luca nickte, wie er das immer tat, wenn sie das sagte.
Und dann sagte sie: „Gut!“ und kniete sich wieder hin und wurde wieder stumm. Und wie jeden Tag wartete Luca in der Kirche auf seine Mutter, bis sie nach Hause gingen, in ihr kleines Zimmer, in dem die Mutter dann kaum noch sprach und sehr viel weinte.

Madeleine zu retten, würde dauern. So viel stand fest. Ihre Schönheit blieb unbeschreiblich, ganz klar ein Stück Paradies hier auf Erden. Doch ihr Charakter, der war von bösartigen Dämonen befallen. Wie sonst könnte ein Mensch so gemein sein? Was konnte er dagegen tun?
‚Hab einen langen Atem!‘ flüsterte Holi. ‚Deine Friedfertigkeit und deine Liebe – sie werden die kleinen Teufel eines Tages verscheuchen. Vertraue!‘
Doch Madeleine machte es ihm schwer, verdammt schwer.

Eine Woche, nachdem er sie beim Essen angesprochen hatte, die Stunde war gerade rum, alle flüchteten aus dem Klassenzimmer und Luca schlich wie immer hinterher, war Madeleines Gruppe vor ihm auf dem Gang. Sie johlten und schubsten sich, alles war ein großes Gewusel und Durcheinander. Da fiel auf einmal aus Madeleines Tasche ihr Geldbeutel heraus. Im Trubel ging das unter, nur Luca, aus sicherer Entfernung, sah seine Chance gekommen. Er eilte zum Portemonnaie, nahm es, schloss zur Gruppe auf und tippte Madeleine von hinten ungeschickt an den Rücken. Sie, glaubte wohl zunächst, einer der Kerle wolle sie necken, schlug nur genervt nach hinten aus, ging aber weiter ohne Luca zu bemerken. Sein Herz begann zu rasen. Er wollte sie nochmal fester antippen, wollte doch alles richtig machen, sichtbar werden. Da fing er den Blick von einem der Kerle auf, der sofort einen drohenden Schritt auf ihn zu machte, so dass Luca, über seine eigenen Füße stolpernd, in Madeleines Beine und, vor allem und noch schlimmer, mit dem Kopf gegen ihren Hintern polterte. Beide fielen. Luca klammerte sich dabei im Sturz an Madeleines Geldbeutel, als wäre es ein Neugeborenes, das vor jedem noch so kleinen Unheil bewahrt werden müsste. Also konnte er seine Arme nicht schützend vor sich ausstrecken, konnte nicht die Wucht des Falls bremsen. Er schlug hart mit der Nase auf den Boden. Sofort schoss das Blut in Strömen hervor. Madeleine war in der Zwischenzeit nach vorne gefallen, sofort von Luca weggerobbt und wurde wieder aufgerichtet. Die ganze Gruppe stand nun um den stöhnenden Luca herum, der immer noch die große, längliche, mit falschen Steinen besetzte Geldbörse in den Armen hielt. Sie war mittlerweile über und über mit Blut besudelt. Sofort brach ein kreischender und keifender Sturm über Luca los. Entsetzt aufgerissene Augen, angewidert zurückschreckende Füße, wild fuchtelnde Arme, böse Beschimpfungen, ‚Gollum, Gollum‘ Gefauche.
„Der Gnom hat versucht meinen Geldbeutel zu klauen!“, brüllte Madeleine, wieder eines klaren Gedankens fähig, über alle hinweg. „Holt ihn mir zurück!“
Bevor Luca etwas erklären konnte, bevor er zeigen konnte, wie er die Börse mit seinem Leben geschützt hatte, war sie ihm schon entrissen und ein paar wüste Tritte hagelten auf seinen Körper ein.
„Igitt, igitt, sein ekliges Gollumblut auch noch! Den kann ich nie wieder anfassen!“, kreischte sie und rannte davon.
So ließen sie Luca liegen. Nur Holi flatterte aufgeregt um den matten Körper herum, setzte sich wieder auf seine Schulter und pickte hilflos in den salzigen Tränen herum.

Von diesem Tag an war es für ihn gelaufen. Jetzt missachteten sie ihn nicht mehr, sie verachteten ihn nur noch. Der blanke Hass einer sich stark und im Recht fühlenden Gruppe brach über Luca herein. Jeder Schultag war die Hölle. Es wurden Gerüchte an der Schule verbreitet, er schleiche hinter Mädels her, versuche ihre Ärsche zu begrabschen um dann allein auf der Schultoilette abspritzen zu können. Um das zu beweisen, lauerten sie ihm auf, als er auf die Toilette ging, brachen die Tür auf als er auf der Toilette saß und fotografierten und filmten ihn, wie er dort hilflos versuchte, seine rotbehaarte Scham zu bedecken. Kurz: Es war unerträglich. Und doch kam nie ein böses Wort über Lucas Lippen, nie holte er zu einsamen Gegenschlägen aus und nie verpetzte er seine Peiniger.
Doch auch wenn er es nach außen ertrug, die Gespräche mit Holi wurden immer verzweifelter. Sie versprach zwar: ‚Du sammelst nicht Schätze hier auf Erden, sondern im Himmel, Luca. Der liebe Herrgott sieht dein Leiden, ja er leidet mit dir, am Kreuz. Verstehst du?‘ Aber immer länger dauerte es, bis Luca auch nur einen Funken Hoffnung aus diesen Versprechungen ziehen konnte, immer schwerer fiel es ihm, auf die zukünftige Wandlung zu vertrauen.
‚Sie ist schön, selbstbewusst und schlecht. Ich bin brav, friedfertig, schwach und hässlich. Nichts mit von Ewigkeit zu Ewigkeit, Holi. Sie ist nicht mein Weib. Ende der Geschichte‘.
Darauf Holi meist: ‚Der Mensch sieht was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an, vergiss das nicht! Und glaub ja nicht, Madeleine würde dein heldenhaftes Aushalten, dein Nichtverpetzen nicht insgeheim bewundern. Glaub mir, sie ist nicht so. Sie kann nur nicht anders. Die Gruppe, der Zwang cool zu sein und das Ganze. Aber insgeheim verachtet sie diese Boshaftigkeit eigentlich. Sie schafft das nur noch nicht, es zu lassen.‘
Doch diese Reden kamen bei Luca nicht mehr an. Er konnte Holi nicht mehr glauben. Er brauchte Klarheit.

Luca geht jetzt ganz nach vorn an den Rand. Er blickt in die Tiefe. Die Autos rasen vierspurig vorbei. Sie verwischen zu bunten Blitzen und rauschen zu ihm hoch wie ein wilder Fluss, dem der Pilger von Ferne bei seiner Rast nachlauscht. Ihm schwindelt. Überall an seinem Körper bricht Schweiß aus, seine dünne Haut wirkt noch durchsichtiger. Er beginnt zu zittern, seine Knie werden weich. Er tritt zurück.
‚Oh Gott, oh Gott, oh Gott. Ich weiß einfach nicht… Man, Holi, der Herr Jesus hat sich vom Teufel auch nicht zu dummen Sachen überreden lassen.‘
Da flattert Holi einmal aufgeregt um Lucas Kopf und fliegt dann auf ihn zu, mit weit ausgebreiteten Flügeln. Sie landet wieder auf Lucas Schulter und schlingt die edlen, schneeweißen Federn um seinen Hals:
‚Aber kleiner Luca, du bist nicht Jesus! Und dem Thomas hat der Herr Jesus auch seine Wunden gezeigt, als der das gebraucht hat. Vertraue!‘
In dem Moment weicht die Unsicherheit aus Lucas Blick, die Träne, die noch an seiner Wange hängt, wirkt wie aufgeklebt, fehl am Platz, will nicht zu seiner neuen Entschlossenheit passen.
Er dreht seinen Kopf zu Holi und sagt: ‚Wenn du mich hältst, dann frag ich sie.‘
Holi reibt ihren kleinen Kopf an Lucas‘ Hals und sagt: ‚Ich halte dich.‘

Also zögert Luca nicht länger, tritt nach vorn und springt.

Nachbarn, Erinnerungen

Lange war hier Ebbe. Jetzt kommt das Wasser zurück. Es wellt mit einem assoziativen Textchen heran, welches das Ergebnis einer kleinen Schreibaufgabe aus meinem Schreiblabor zum Thema Nachbarn ist.

Meine ersten Nachbarn waren meine Großeltern. Meine einzigen Großeltern. Die anderen waren schon tot. Die Nachbarn-Großeltern sind jetzt auch tot. Alle tot. Das heißt: Keine Geschichten mehr von der Flucht „schwarz über die grüne Grenze“. Die hatte Opa, weißer Latz um den Hals, die weißen Haare sorgsam nach hinten gekämmt, immer den nächsten Predigtdienst und die nächste All-inclusive-Rentnerreise im Kopf, bei jeder Gelegenheit erzählt. Das heißt auch: Keine Geschenke mehr zu Weihnachten und Geburtstag. Ich Pechvogel. Wobei, viel gab’s da eh nie zu holen. Ein Predigerehepaar in der Rente das noch ein Haus gebaut hat und ständig in die ganze Welt in Urlaub fährt – woher soll da Geld kommen? Aber beim Mittagessen wurden wir von Oma, beste Oma, liebste Oma, süßeste Oma, vor allem wenn sie „Salat“ sächsisch aussprach, mit zwei kurzen A’s, als würde man das Wort „Sallatt“ schreiben und vor allem wenn sie dazu so verschmitzt lachte, wurden wir beim Mittagessen also immer zum Nachschlag genötigt.
Immerhin.
Ach Geschichten, Geschenke, alles blablabla, die Ruhe jetzt sei ihnen vergönnt.

Beim Studium gab’s Nachbarn, die wohnten auf der anderen Seite der engen Gasse, Fenster in der gleichen Höhe, wunderbar zum reingucken. Sich da umzuziehen, auszuziehen und keinen Rollo runter zu machen: aufregend, dieses Wissen, beobachtet werden zu können. Eines Tages, auf der anderen Seite, plötzlich nackte Körper. Nackte Körper in Bewegung, in intensiver Bewegung. Der Winkel ist leider etwas schlecht, ich kann nur Teile sehen, ein Hintern, der sich vor und zurückbewegt. Dazu kein Ton. Nicht hingucken wollen, sollen, doch nicht weggucken können. Der stille Genuss des Spions, des unentdeckten Beobachters. Dann plötzlich, ein Blick, vier Augen treffen sich, vier Augen erschrecken, ihre Brüste hüpfen, ich drehe mich schnell weg, ertappt, Scham, das Rollo geht runter.
Schade. Ausgesperrt.
Ein bisschen betrogen fühle ich mich. Gerade waren wir doch noch drei, friedlich beisammen, ein paar Blicke, das war doch schön. Was die wohl jetzt von mir denken? Ob die später zum Klingelschild laufen, die Namen studieren, darauf zeigen, den Kopf schütteln, sich anblicken und sagen:
„Da wohnt es, das Schwein!“?

Das mit dem Reingucken und den Nachbarn ist ein Thema, das sich durchzieht. Heute wohnt ein kleines Teenie-Mädchen gegenüber. Sie guckt gerne zu uns rüber. Woher wir das wissen? Na weil wir auch rübergucken, natürlich nur um zu gucken, ob sie schon wieder guckt. Ich mein, das ist ein kleines Teeniemädel. Was sollen wir da gucken wollen. Die sitzt da halt und macht Hausaufgaben. Oder starrt aus dem Fenster. Oder turnt radschlagend durchs Zimmer. Normale Teeniesachen halt. Das interessiert mich nicht. Außer so als Nachbar.
Und das ist doch, was Nachbarn machen:
gucken.
Dafür sind sie doch da.
Um nie zu vergessen, dass da noch ein Anderer ist. Damit man weiß, dass einen einer beobachtet. Dass da einer ist, der eine Meinung hat, ein Urteil fällt. Der Nachbar hält dich wach, lässt dich den Rasen mähen, die Fenster putzen, den Balkon schöner schmücken. Der Nachbar macht erst, dass mein Leben schön sein kann. Weil ich mein, sonst würde ich ja nix machen. Das würde alles zumüllen, einfetten, kaputtrosten. Aber für den Fall, dass der Nachbar vorbeikommt, dass der ne Milch braucht oder einfach mal nur auf der Türschwelle stehen will, weil wir halt Nachbarn sind, ja da muss ich den doch auch reinbitten können. Da muss ich dem doch zeigen können, wie geil es bei mir aussieht und dass er gefälligst gleich nach Hause gehen soll und sich mal Gedanken über sein mickriges kleines Scheißleben machen soll.

Also, wie gesagt, gucken, dafür sind Nachbarn da.
Also jetzt aber nicht das Teeniemädel. Dem müssen wir nichts beweisen. Höchstens was beibringen, Aufklärung oder so. Und natürlich zu ihr gucken, damit sie das Aufgaben machen und das Aufräumen nicht vergisst.
Ein wichtiger Dienst.
Die Eltern sollten uns dankbar sein.
Ohne uns, wäre ihre Erziehung ein jämmerlicher Haufen Dreckwäsche.
Oder geht das zu weit?
Ich glaub, ich mach das Rollo runter.

 

Die Crew

‚Morgen aufstehn? Nä! Voll nich!‘, sowas dachte man oft am Abend, wenn man der Nado war. Wenn man der Nado war, dachte man am Morgen danach dann aber immer: ‚Aber nä, der Looser will ich au nich sein! Und eh, die Crew mag das Warten nich!‘ Und er war, und das half schon und sollte man nich einfach so unsicher machen, in der Crew. Gemeinsam die doofen Luschis fetzen war schon was. War man der Nado, schlurfte man also los. Und so sah der Nado aus: Hängende Schultern und Augenlieder, krummer Hals, Figur wie ne Banane, Blick immer son bisschen schräg hoch, bitte nich auffallen. Aaaber immer dabei stehn, das schon. Heute schlurfte der Nado zuerst in Piffi rein. Der Piffi, so sagte man bei ihnen, war voll ADHS. Das meint austicken und das Ganze. Als Erstes, und, das war halt so bei ihnen, haute Piffi ihm eine rein. Rumms. Voll aufs Frühstück. Guten Morgen auch. Und eh, die Andern warn da auch auf einmal. Der Nado atmete ganz schnell ganz laut viel Luft aus. Die Crew lachte. Normal. In so Momenten war der Nado immer kurz wer anders: Da war er der Killer in seinem Bildschirm drin, so mit Sturmhelm, nem schwarzen geilen Anzug und dem vollen Programm, natürlich Schnellfeuerwaffe, 10 Schuss pro Sekunde, wumm, wumm, wumm, ich hau euch alle um. Aber das war der Nado halt nur in sich drinnen. Außen war er Banane.

Die Hurensöhne aus den andern Klassen, das waren die, gegen die die Crew war. In der Pause liefen sie, also die Crew und der Nado, immer so bossmäßig zusammen rum. Ganz vorne: Gogo, der Anführer. Lederjacke und Jogginghosen, breitbeinig, breitschultrig, breitgrinsig, breischläger. Dahinter immer Piffi, Juri, der blasse Russe und Murat, der kein Türke is. Und hinten immer der Nado. Und eh, das fand der Nado am Tag immer mega geil, weil die Andern, also alle, die nich iner Crew waren, und das warn ja fast alle anner Schule, hatten dermaßen Schiss vor der Crew. Und die guckten dann so weg, so zur Seite, und und taten sie das nich, gabs fetze.

Aber an dem Tag, und das war nie gut für den Nado, guckte keiner dumm. Und schon, „Augen auf!“, von links und rechts, Juri und Piffi, zwei Fäuste bumm, bumm, bumm, voll in Nados Seiten. Er: klapp, wie son Taschenmesser, ausatmen, diesmal noch lauter, ihre Hände klopfen auf seinen Rücken, „Ja,ja,ja – immer aufpassen, Banane!“ und lachten laut. Und schon liefen sie vorne wieder hinter Gogo. Innen ballert der Nado wieder rum, da, ‚Kacke!‘ Steht plötzlich dieser hässliche neue Lehrer vor ihm. ‚Fuck, der hats gesehn. Schnell sagen, es is nix, es is nix, es is nix, nur Spaß!!‘ Doch der Blick, ein Pfiff: „Piffi komm her!“ ‚Oh Gott, bitte bitte nicht‘. Piffi grinst, kommt lässig her, gestikuliert, der Lehrer, ‚Vollidiot, Wichser, hätt ich nur ne Knarre‘, guckt nur dunkel, „was war das?“, Piffi sagt, „nix, nix, nur Spaß, oder Alter, haha?“ – „Ja klar, eh normal, is die Crew“, und muss aufpassen, dass er nicht dem Scheiß-Lehrer auf die Scheiß-Schuhe kotzt. Piffi und er drehn sich weg. Gogo meint später, „So nich, es geht um die Crew, oder Banane?“ Was kommt is klar.
Am nächsten Tag steht er wirklich nich auf. Er kann nich.

Aber dann ging der Nado wieder hin, weil eh, die Crew mag das Warten nich und der Gogo hat schonmal gesagt, und das hat dem Nado ein sehr doofes Gefühl gemacht, noch viel mehr als das Ganze mit der Banane und dem voll aufs Frühstück, gesagt hat der Gogo dann also, dass es ihn voll fertig macht, wenn er, der Nado mal länger nich in der Schule auftaucht und er, der Gogo, will sich in dem Fall dann unbedingt total doll an seine, also die vom Nado, Schwester wenden, nur dass er, also der Nado, das schonmal weiß. Und an dem Tag war eh die Fetze mit der andern Schule, jeder Mal im Ring, eins gegen eins, grün und blau ballern, bumm bumm bumm, am Ende Gogo gegen den Boss von denen, eh das letzte Tor entscheidet, und Gogo hat den volle weggebretzelt, das war geil und da haben sie, also die ganze Crew, zum ersten Mal ein durchgezogen, und das mitten in der Stadt, sie waren ja die Kingz digga, und alle mussten das sehen! Aber dann sind, iu iu iu, die Bullen gekommen. Und sie sind weggerannt. Der Juri ist dann aufs Maul gefallen und da sind der Piffi und der Murat zurück und haben ihm geholfen, auf auf, schnell, weiter, sonst die Bullen, und dann gibt’s, eh klar und der Gogo war schon weg und da um die Ecke, alle vier, der Piffi, der Juri, der Murat und der Nado. Aber nach der Ecke, da rennen plötzlich nur noch drei und grinsen blöd und der Nado liegt und atmet schneller und lauter aus als je zuvor und kann jetzt nich mehr laufen, und schon haben ihn die Bullen. Gefragt habn die viel, aber eh, der Nado hat nix gesagt, und innerlich 10 Schuss pro Sekunde, die ganze Zeit, er vor so nem Haus, darin versteckt, seine Schwester, draußen die Angreifer, er: wumm wumm wumm, alle Tod, die Schweine.
Am nächsten Tag geht er wieder nich hin. Er hat was zu tun. Die Crew muss warten.

Dann, muss ja, schlurft der Nado wieder hin, unterwegs der Piffi, „und, wie wars bei den Bullen, hahaha“, „nix, nix, hab ich, eh klar“, „gut so, brav so, Banane“, und rumms aufs Frühstück, „schön, dass du wieder da bist und das an der Ecke, ja, doof, dass wir da so ineinander gerannt sind und dich dann die Bullen und so, hahaha, ab jetzt die Augen auf“, klopf, klopf auf die Schulter. In der Schule, die Crew dann, alle gucken sie, der Gogo, der Juri, der Murat, der Piffi, alle fragen und lachen sie, und beim nächsten Mal „Banane“ aus einer dieser Kackfressen, steht der Nado plötzlich nicht mehr Banane, sondern wie son Terminator, vorm Haus, die Schwester! Der Nado greift unter sein Pulli, hat sie in der Hand, fuchtelt, brüllt, „ihr Wixxer, wumm wumm wumm, alle Tod, ihr Schweine, ich hasse euch“, alle brüllen, kreischen, schmeißen sich hin, der Piffi, kniet da, „bitte, bitte nicht“, wimmert, Hände wie son Hase überm Kopf, der Nado lacht, tief, hohl, unheimlich, wie son gefährlicher Roboter, da sagt der Gogo, „Nado, Nado, sorry, sorry, echt bro, wir lieben dich doch man, nie wieder Banane, ich schwöre, hey, hey, du bist in der Crew, schon vergessen“. „Ok, sagt es alle“, brüllt der Nado, „und nie mehr aufs Frühstück und nie meine Schwester“, fuchtelt weiter, das Ding jetzt direkt am Schädel vom Piffi, und eh, jetzt alle „sorry, sorry“ und so und dann klappt der Nado ein, zurück zur Banane, die falsche Knarre fällt ihm aus der Hand, er atmet nicht mehr laut, er flennt und zittert und alles ist voll verrückt und alle so total down.

Am Abend machte die Crew dann Party. Nie wieder Banane und alle leben noch-Party. Das hat der Gogo beschlossen, war ja auch voll der Schock und eh, zum Nado warn sie oft nicht nett gewesen, darum zahlt die Crew ihm heut mal alles. Also Party und viel saufen und dumme Sprüche und langsam lachte die Crew wieder, auch wenn sichs noch irgendwie komisch anhörte. Und die Crew zahlte dem Nado viel und schenkte ihm viel ein die ganze Zeit und eh, er war wieder als erster total voll und immer mehr und alle lachten so und es war sau sau kalt in der Nacht und am Ende war die Party aus und alle so heim, is ja nich weit, und schon sind alle weg, und der Nado da allein, kann kaum sehen, gehen, stehen. Dann schlurft der Nado durch den kurzen Park, mehr Kringel als Banane, wank wank wank und wumms und dann liegt er da und muss endlich nicht mehr aufstehn weil keiner es sieht und keiner lacht.

Am Montag gabs in der Schule ne kleine Feier für den Nado und manche weinten. Und der Gogo, war ja der Chef der Crew, und eh, das wussten alle, der Nado war auch in der Crew gewesen, sagte ein paar Worte über Nado, die Banane, seinen sehr sehr guten Freund, den er nie vergessen wird.

Genug

Die Rumänin vor dem Drogeriemarkt sah verwirrend gut aus. Wieder war er an ihrer ausgestreckten Hand vorbeigeschritten, Hände in den Manteltaschen, weltmännische Haltung. Vorbei – und dabei in seinem Kopf die Bilder: Angespülter Kinderleichnam am Strand – Blitz – eingequetscher Näherinnenleib unter eingestürztem Dach – Blitz – bekopftuchter Körper, blutüberströmt, an österreich-deutscher Grenze – Blitz – erfrorene Rumänin vor Drogeriemarkt im Villenviertel auf der Bild-Titelseite.
Genug! Es war nun genug!

Noch am Abend begann er alles vorzubereiten. Bis zu seiner Ausreise hielt er es geheim. Er kündigte seinen Job, gab sein Zimmer ab, verkaufte seine Möbel, plünderte sein Konto und spendete alles. Nur ein kleiner Rucksack mit Wechselklamotten blieb übrig. Zum Abschied schrieb er einen facebook-Post: „Ich bin raus. Alles weg, jetzt frei zu teilen. Tschau.“ Dann trampte er gen Süden. Es war ganz einfach. Freundliche Trucker, ein verliebtes Pärchen, die erste Nacht im Schweizer Ferienhäuschen eines einsamen Geschäftsmannes. Am zweiten Tag: weniger Glück. Zwei junge Männer hielten ihm abends im Süden Italiens ein Messer unter die Nase. Hektisches Italienisch, erhobene Hände, abtasten, der Rucksack, ein aufheulender Motor. Er blieb zurück. Er lächelte. Endgültig frei. Gut so. Die Nacht hingegen war nicht gut. Von dem Zwei-Italiener-Punkt kam er nicht mehr weg. Also schlief er ohne Decke auf dem Boden in der italienischen Wildnis. In der Nähe jaulten Hunde. Aber es war immer noch richtig! Entschlossen überstand er die Nacht. Mittags erreichte er den Fährhafen. Er suchte eine Freiwilligenorganisation. Er sagte, er wolle helfen. Ein paar Fragen, Ausweise und Unterschiften später konnte er mit der Fähre übersetzen. Euphorisch schweifte sein Blick über das reine Blau der See. Sanft schaukelte die internationale Besetzung voran, überall entschlossene Gesichter. Dann, in der Ferne, ein Streifen Land. Endlich: Lampedusa. Hier würde er bleiben. Helfen für Brot und Matratze. Das war von nun an sein Leben. Hauptsache teilen. Balastlos den Nöten begegnen. Lächeln verschenken. Decken reichen. Tee bringen. Glück mitten im Unglück versprühen. Es fühlte sich sehr gut an.

Und so nahm er an Tag vier seiner Reise endlich die Arbeit auf. Es war genauso schlimm wie im ‚heute journal‘. Nur live. Überfüllte Boote, zitternde Leiber, angespülte Kleidungsstücke. Er stürzte sich in das Elend. Und versuchte zu leuchten. Er kochte Suppen, verpackte Schlafsäcke, stellte Feldbetten und führte Listen. Jeder Handgriff war heilend, jede Aufgabe heilig. Und am besten war das mit den Menschen. Gesichter zogen an ihm vorbei, sagten Dank, wurden verschifft. Er wischte über verdreckte Wangen, er fütterte ausgehungerte Münder, verteilte lächeln um lächeln um lächeln und schloss ganz viel in die Arme. Unzählige Schicksale, jeden Tag und jedes Mal zerriss sein Herz. Und doch: Die Liebe vermehrte sich stetig.
Einmal war am Tag wieder ein übervolles Boot angekommen. Die Neuankömmlinge duschten, aßen und schliefen. Währenddessen bereiteten die Freiwilligen alles vor: kleine Feuer hier, Lichterketten da, gemütliche Musik, Strohhalme und eine Tanzfläche, kurz, sie machten alles wunderschön. Und so stieg, bei milder Abendluft, eine Outdoor-Party am Strand. Mit Menschen aus aller Welt. Menschen die gemeinsam lachten. Und die Unterschiede verschmolzen und die Körper bewegten sich und all das Leid war für einen Moment vergessen, gebannt, verändert und zurück blieb nur Freude. Das müssten alle sehen, dachte er. Jeder Nachrichtenkanal in jedem Land müsste das bringen. Und er war mittendrin und war glücklich.
Für ihn war klar: Falls diese Insel irgendwann nicht mehr seine Hilfe benötigen sollte, würde es ein anderer Ort sein: Libyen, Eritrea, Syrien oder so. Irgendwer musste diese Länder schließlich wieder aufbauen. Anders wollte er nicht mehr leben.
Nach und nach zog die Routine ein. Das Helfen wurde Arbeit. Freiwillige kamen und gingen. Es war niemand da, um alles loszuwerden, sich mal auszusprechen. Das schlauchte. Er war nicht Superman. Doch dann dachte er an Süditalien, an das Messer unter der Nase, den verlorenen Rucksack, die überlebte Nacht: Es war immer noch richtig!
Er schickte jetzt Briefe in die Heimat. Und bekam Antwort. Er las sie ausführlich, immer und immer wieder, prägte sich die Worte ein, sprach sie sich vor, während er über verdreckte Wangen wischte und hungrige Münder fütterte. Man braucht seine Strategien. Morgens stand er später auf. Und er hasste das Essen. Nachts weinte er manchmal still. Wie Glück versprühen, wenn man unglücklich ist?
Es fühlte sich nicht gut an.
Aber er war frei, er teilte. Und allein das machte Sinn.

Dann begann es: Zuerst musste er sich öfter ausruhen. Hey, normal, die Hygiene hier, die harten Erlebnisse, der unermüdliche Einsatz, das zehrt aus. Aber er war balastlos und half und es war richtig und er war frei und er teilte und er wollte nicht zurück, konnte nicht und allein das machte ja Sinn. Dann wurde er krank. Aber hey, normal, ein kurzer Klaps hier, ein gemurmeltes Wort da, niemand saß an seinem Bett, klar, die gestrandeten Seelen, die hatten es wirklich nötig.
Er wurde schwer krank. Hohes Fieber und Schüttelfrost. Er lag nur noch da, behielt nichts in sich, magerte ab, magerte mehr ab – alles gar nicht gut.

Zum Glück war er privatversichert – mit allen möglichen Zusätzen, auch fürs Ausland und so. Ärzte und seine Eltern flogen ein – und flogen mit Patient und Sohn wieder aus. Für den Sohnemann nur die beste Behandlung! Er lag drei Wochen im Krankenhaus, wurde drei Wochen von Mama hochgepäppelt. Dann ging er zurück in seine Stadt. Mietete sich ein neues Zimmer, Papa zahlte die neuen Möbel und vermittelte den neuen Job. Sein Sohn schrieb dann einen Beststeller über die Insel-Zeit. Er ist jetzt ein gefragter Talkshowgast. An der Rumänin läuft er seither entspannter vorbei. Erstmal hat er genug, ja wirklich genug getan.